Was ist Kunsttherapie? — Eine Einführung

von GUDRUN LEHMANN-SCHERF


Zur Geschichte der Kunsttherapie

Bildnerisches Gestalten ist seit alters her auch mit Heilritualen verknüpft. In unserer Kultur kennen wir etwa Votivtafeln der erkrankten Körperteile oder Heiligenbilder, die beim Gesundwerden helfen sollen. In buddhistischen Kulturen und bei den australischen Aboriginies waren Sandbilder Teil des Heilrituals. Tonfiguren wurden von vielen Völkern in der Heilzeremonie eingesetzt, etwa bei Griechen, Römern, Chinesen. Auch Körperbemalungen waren verbreitet.

Gemeinsam ist all diesen Bräuchen, über die Bilder/Objekte Verbindung herzustellen zu den methaphysischen Kräften, die der jeweiligen Religion entsprechen, z.B. Göttern, Geistern, Ahnen. Diese werden um Hilfe gebeten, ihre Kraft mit der Kraft des Kranken zu verbinden, um gemeinsam einen Heilungsprozeß einzuleiten.

Im Bild/Objekt verbinden sich die Kräfte des Kranken mit den dem jeweiligen Glauben entsprechenden metaphysischen Kräften. Das Bild/Objekt selber wird dabei zum materialisierten Kraftträger. Es hat also zwei Funktionen: Verbindung zu metaphysischen Kräften herzustellen und materieller Träger der Verbindung dieser Kräfte mit denen des Kranken zu sein.

Die Verbindung zwischen dem, was wir heute Kunst nennen und ihrer therapeutischen Verwendung zur Behandlung menschlichen Leidens ist also sehr tief und menschheitsgeschichtlich bis in unsere Wurzeln zurückzuverfolgen.

Wenn wir heute in der Kunsttherapie Bilder in einem therapeutischen Prozeß einsetzen, knüpfen wir an dieses alte Wissen um die Heilwirkung der Bilder an.

"Die Entdeckung des Bildes in der Psychotherapie ergänzt die introspektive Seite der heutigen Psychologie auf die prospektive Seite hin der uralten menschlichen Seele" (BENEDETTI 1991).

Die Kunsttherapie als bewußt eingesetzte Methode im Spektrum heutiger Therapieverfahren hat sich aus zwei Wurzeln entwickelt: aus der Bildenden Kunst und aus der Psychiatrie. Im psychiatrischen Bereich wurde man Anfang des vorigen Jahrhunderts auf spontan entstandene Gestaltungen psychiatrischer Patienten aufmerksam. Man beobachtete, daß manchen dieser Patienten die Möglichkeit erhalten blieb, ihrem Leiden mit gestalterischen Mitteln Ausdruck zu geben. In einigen Fällen wurde es auch möglich, daß die Patienten über ihre Gestaltungen einen Weg fanden, sich psychisch zu stabilisieren. Aus dem 19. Jahrhundert gibt es erste Veröffentlichungen über den Einsatz künstlerischer Mittel in der Psychiatrie (NAVRATIL und BADER 1976; DOMMA 1990).

1922 veröffentlichte der Psychiater HANS PRINZHORN die umfangreiche Sammlung von Bildern psychiatrischer Patienten der Heidelberger Klinik in seinem Buch "Bildnerei der Geisteskranken". Die Prinzhorn-Sammlung ist auch heute noch eine der bedeutendsten auf diesem Gebiet.

Mit seiner Arbeit traf PRINZHORN ein Thema der damaligen Zeit, sich in Wissenschaften und Künsten mit innerpsychischen Vorgängen, und mit der Irrationalität und der Subjektivität menschlicher Wahrnehmung und menschlichen Ausdrucks zu befassen. So beschäftigten sich Künstler, beispielsweise GAUGUIN, PICASSO, MIRÓ, der "Blaue Reiter", die Surrealisten DUBUFFET und "COBRA" mit der Kunst anderer Völker, mit Kinderzeichnungen und mit den Bildern von "Geisteskranken". FREUDS Entwicklung der Psychoanalyse konstituierte zur gleichen Zeit die Systematik einer Psycho-Therapie als Behandlungsform.

Aus der Weiterentwicklung und dem Zusammenfluß dieser Strömungen aus Kunst und Psychiatrie/Psychoanalyse entwickelte sich die heutige Kunsttherapie. Entsprechend ihrer Entwicklung sind die Anwendungsbereiche von Kunsttherapie und die "Grundberufe" von Kunsttherapeuten breit gefächert. So gibt es inzwischen den Kunsttherapeuten als eigenständiges Berufsbild.

Zum Gesamtspektrum kunsttherapeutischer Arbeit gehören ebenso die Einbeziehung bildnerischer Mittel in Psychodiagnostik und Psychotherapie sowie in die Ergotherapie. Auch gibt es Projekte von Künstlern im klinischen oder sozialpädagogischen Bereich, in die kunsttherapeutische überlegungen einfließen.


Definition

Das Wort Kunsttherapie führt manchmal zu dem Mißverständnis, hier werde Kunst produziert. Dies ist nicht der Fall.

In der Kunsttherapie geht es um die Anwendung künstlerischer Mittel in einer therapeutischen Umgebung. Therapieziele sind die Möglichkeit, psychische Inhalte symbolisch darzustellen, Gefühle auszudrücken und zu integrieren, die Förderung von Ich-Stärke, die nachholende Ich-Entwicklung, Selbsterkenntnis und soziale Kommunikation. Das Produkt ist sekundär. Im Vordergrund steht der therapeutische Prozeß. ästhetik und Können spielen keine Rolle.

Im Unterschied dazu sind für einen Künstler auch erlernte Techniken, Erfahrung im Umgang mit Farben und Formen, ästhetische Gesichtspunkte, bewußter Umgang mit Themen und Materialien, die absichtsvolle Gestaltung des Bildraums und vieles andere wichtig. "Ein Künstler lebt, um zu malen: In der Kunsttherapie malen die Menschen, um zu leben. Das Malen kann ein Teil ihres Lebens sein, aber kaum ihr Lebensinhalt" (TOMALIN und SCHAUWECKER 1993).

Artikel aus: Brock (Hrsg.): Handbuch der Naturheilkundlichen Medizin
Landsberg,1998